Zuerst «Operetten-Ambri», dann der olympische «Sägemehl-Komplex»
Bei der Eishockey-WM können wir Halbfinal und Final. Beim olympischen Turnier nicht. Noch nie hat es in der Neuzeit (1988, 2002, 2006, 2010, 2014, 2018, 2022) zu mehr als einem Viertelfinal gereicht. 2014 (mit NHL-Profis) und 2018 (ohne NHL-Profis) scheiterten die Schweizer gar schmählich schon im Achtelfinal gegen Lettland (1:4) und in der Verlängerung gegen Deutschland (1:2).
Immerhin reichte es Cody Almond 2018 zu einem ewigen olympischen Rekord: Er handelte sich gegen die Deutschen bereits nach neun Sekunden einen Restausschluss ein, der auch gleich zum 0:1 führte.
Der Vergleich mit dem ESAF
Wie kann es sein, dass die Schweizer auch 2018 und 2022 mit Patrick Fischer nicht wenigstens halbfinalfähig geworden sind? Die Erklärung ist gar nicht so kompliziert. Das Problem lässt sich am anschaulichsten mit dem Eidgenössischen Schwingfest erklären.
Erstaunlich viele «Böse», die alle ihre Gegner bei den alljährlich stattfindenden Kantonal- und Bergfesten nach Belieben bodigen, versagen beim «Eidgenössischen», das nur alle drei Jahre stattfindet: Monatelanges Fiebern («Festfieber»), gewaltiger medialer Theaterdonner, viel grössere äussere Einflüsse und Ablenkungen. Dazu die Gewissheit, dass diese Chance nur alle drei Jahre kommt.
Die besten Bilder des ESAF 2025
Ein «Eidgenössisches» ist einmalig. Nicht vergleichbar mit einem anderen Fest. Nur beim «Eidgenössischen» wird ein König gekrönt. Selbst Geni Hasler, der technisch vielleicht beste und mutigste Offensivschwinger der Geschichte, der mehr als 30 Kranzfeste und über 100 Kränze gewonnen hat, ist nie König geworden.
Die nächste WM kommt bestimmt
Im Eishockey ist es ähnlich: Eine Weltmeisterschaft findet jedes Jahr statt. So richtig los, mit landesweitem Interesse über die Hockeystadien hinaus («WM-Fieber»), geht es – ausser bei einem Turnier im eigenen Land – erst nach den Gruppenspielen. Das Team hat sieben Spiele lang Zeit, noch enger zusammenzurücken, das Spielsystem zu justieren und sich auf die entscheidende Phase vorzubereiten.
Und wenn es im Viertelfinal mal nicht funktioniert, dann ist es nicht so tragisch. Der Sommer kommt, die Ausreden sind wohlfeil, die Kritik bleibt milde und in einem Jahr folgt ja schon die nächste Chance. Ablenkung gibt es kaum. Das Team wohnt im Hotel, die Spieler sind unter sich.
Aufmerksamkeit und Erwartungen sind viel grösser
Olympische Spiele sind anders. Der Mythos Olympia wirkt. Olympische Bronze wäre wertvoller als WM-Silber und die Chance darauf bietet sich nur alle vier Jahre. Die mediale Aufmerksamkeit und die Erwartungen sind schon vor dem Turnier grösser. Entweder ist es eine Jahrhundertchance, weil die NHL-Profis nicht dabei sind (wie 2018 und 2022) oder dann – wie jetzt in Mailand – weil alle NHL-Profis zur Verfügung stehen.
Die Spieler bleiben nicht unter sich. Sie wohnen im olympischen Dorf, die Ablenkungen sind ungleich grösser und zum Einspielen und Zusammenrücken bleiben nur gerade drei Gruppenspiele Zeit.
Die Differenz zwischen einer WM und einem olympischen Turnier ist mindestens so gross wie zwischen einem Kantonalen und dem «Eidgenössischen» im Schwingen: Das ist der olympische «Sägemehl-Komplex», den der Nationaltrainer und seine Mitstreiter hier in Mailand überwinden müssen.
Ein Scheitern gegen Italien ausgeschlossen
Patrick Fischer ist mit ziemlicher Sicherheit der beste Psychologe, den wir seit der Verbandsgründung (1908) an der nationalen Bande hatten. Sogar besser, sensibler als der legendäre Ralph Krueger. Gut verwurzelt aus seiner Zeit als Spieler in den alten, aber ewigen Werten des Hockeys und zugleich mit der Sensibilität für den Umgang mit einer neuen Spielergeneration.
Ein Scheitern im Achtelfinal wie 2018 können wir ohne jedes Risiko zu 100 Prozent ausschliessen: Gegen Italien, ein olympisches «Operetten-Ambri», ist eine Niederlage für ein Team mit Roman Josi, Janis Moser, Nico Hischier, Timo Meier, Nino Niederreiter oder Jonas Siegenthaler weiter weg als für das echte Ambri der Gewinn des Stanley Cups.
Erst Finnland wird am Mittwoch zur Mutter aller Olympischen Bewährungsproben. Vor vier Jahren verloren die Schweizer in einem Turnier ohne NHL-Profis den Viertelfinal gegen die Finnen 1:5. Nach elf Minuten stand es bereits 0:2 und alles war vorbei. Nationaltrainer Patrick Fischer hatte die Hockey-Götter erzürnt und Reto Berra ins Tor gestellt. Erst kurz nach dem 0:3 kam Leonardo Genoni doch noch zum Zug.
2026 ist Fischers letzte olympische Chance. Nach dieser Saison legt er sein Amt freiwillig nieder. Und er wird nicht nochmal Berra in einem olympischen Viertelfinal gegen die Finnen aufs Eis schicken. Wenn die Schweizer auch mit Patrick Fischer den olympischen «Sägemehl-Komplex» nicht zu überwinden vermögen – mit wem dann?
